Fridolin Knepp – Ansätze einer Personenbeschreibung

fridolin knepp ist zwischen 35 und 40 jahre alt, mindestens 1,85 groß, normal gebaut. er hat braunes haar, lang und kurz zugleich, dazu grüne augen, die manchmal blau aussehen (das liegt am licht und den farben rundherum). er trägt braune, dunkelgraue oder gänzlich ausgefallenen hosen, zumeist aus zart gemusterten stoffen. er mag das so — er mag es genauer hin sehen zu müssen um etwas zu entdecken, was von der entfernung nicht zu erahnen war. er mag auch farben, farbkombinationen; dezente und von zeit zu zeit auch sehr lebendige, die schon mal vor den kopf stoßen weil sie nicht zusammenpassen. fridolin bemerkt das zwar, doch er sieht länger hin und findet dann gefallen an diesen unstimmigkeiten, die neue fragen aufwerfen, herausfordern und ihn so zum schmunzeln bringen. was die anderen denken mögen, ist ihm dabei nicht so wichtig.

fridolin knepp sucht die wahrheit. er macht das nicht mit absicht, es ist so gekommen. schon als er kind war, hat er bemerkt, dass einiges nicht stimmt, dass einiges (wenn nicht sogar vieles) tiefer gelegen nicht so ist, wie es aussieht. seitdem fragt er sich wie er die wahrheit herausfinden kann und ist mittlerweile eine art spezialist in wahrheitsfindung geworden. (gelegentlich geht er damit seinen mitmenschen auf die nerven.)
wegen dieser leidenschaft, die ihm wie ein lebensnotwendiges bedürfnis erscheint, kann er beispielsweise äußerst gut beobachten. er hört gut zu und er läßt sich in der regel mit allen dingen sehr viel zeit. denn in der schnelligkeit verschwindet die wahrheit äußerst gerne und wenn er sich zeit läßt, ist er ihr in jedem fall schon einmal auf der spur.
so läuft fridolin manchmal durch die stadt, auf dem weg zur arbeit, auf dem weg zu freunden oder sonst wohin, frustriert von den lauten, aber nichtssagenden werbebotschaften, und übt sich darin, seinen blick genau in jene winkel zu lenken, die am leisesten, am unaufregendsten sind. was er dort entdeckt ist auch oft wahrheit.

fridolin quatscht gerne, er macht unsinn und lacht gerne. mit seinen beiden besten freunden praktiziert er das regelmäßig und allen dreien macht es freude. dieser unsinn kommt von seiner leidenschaft der wahrheitssuche. denn sein gehirn spinnt ständig an neuen zusammenhängen und fäden, die von inhalt zu inhalt, von form zu form und quer hindurch führen.
fridolin spinnt also gerne. er hatte glück und konnte das zu seinem beruf machen. er hat ideen und bekommt geld dafür. weil er sich mit der wahrheit halbwegs gut auskennt, versteht er viel von den sprachen, die die wahrheit verdecken, verdrehen und verstecken. das hilft ihm dabei schnell und ohne viel aufwand ideen zu produzieren, die sich seine auftraggeber wünschen. klar freut ihn das nicht sonderlich, aber andererseits kann er zur zeit gut davon leben.

fridolin wohnt in einer großstadt, ähnlich der, in der er aufgewachsen ist. diese erste große stadt in seinem leben hat er aber hinter sich gelassen. auch das war ein experiment zur findung der wahrheit. es sollte ihm neue sichtweisen ermöglichen und das ist ihm in viel mehr bereichen gelungen als er es erwartet hatte. vor kurzem ist er an den stadtrand gezogen. kaum noch als stadt erkennbar, wohnt er nun in einem kleinen haus mit garten und großen bäumen rundherum. dort ist er der natur auf der spur. eigentlich umgekehrt, die natur hat ihm eine spur gelegt und ihn dort hingeführt. denn eines tages, den scheinbar unspektakulären dingen folgend, landete seine aufmerksamkeit immer wieder in der natur. vergangenes frühjahr kam es dann so, dass er regelrecht berauscht war von der plötzlich sichtbaren, formalen vielfalt der blätter, der blüten, all dem grün, das wie auf befehl wuchs — so, dass es ihm beinahe unheimlich dabei wurde. er ärgerte sich regelrecht, dass er den kahlen zweigen nicht schon im winter genügend aufmerksamkeit geschenkt hatte, denn wie unterschiedlich müßten die denn erst ausgesehen haben !
in diesen tagen wurde ihm klar, dass er mit seiner stadt-vergangenheit beinahe eine ganze welt versäumt hatte und beschloß ehestmöglich ins grüne zu ziehen.

fridolin sammelt. zur zeit, wie könnte es anders sein, blätter. er hat nun ein herbarium. früher sammelte er speisekarten mit tippfehlern, postkarten, die vom falschen ort verschickt wurden, slogans aus werbeprospekten, trinksprüche, unterschiedlich geöffnete briefumschläge und etliches mehr. sein sammelinteresse wechselt häufig. das macht ihm aber nicht viel aus. er hat sich angewöhnt aus seinen alten sammlungen objekte zu bauen. vor drei jahren hatte er das glück diese objekte bei einer befreundeten galeristin auszustellen (sie mochte deren eigenartigkeiten sehr) und hat dabei auch noch einen kleinen haufen geld verdient, der es ihm ermöglicht hatte die großstadt zu wechseln.

so und ähnlich läuft fridolins leben nun seit einigen jahrzehnten und so schön es klingen mag, zufrieden und glücklich ist er zwar gelegentlich, aber nach seinem geschmack nicht oft genug. leider kann das weitere auch ich nicht vorwegnehmen, aber es ist klar, da wird noch einiges passieren müssen.

Veröffentlicht unter Die Geschichte | Kommentar hinterlassen

Hans im Glück 2.0

AZ: herr glück, vor genau 100 jahren wurde ihre geschichte von jacob und wilhelm grimm niedergeschrieben und veröffentlicht. den meisten ist die geschichte auch noch heute gut bekannt. wie waren damals die reaktionen in ihrem umfeld auf ihr doch unübliches verhalten ?
Hans Glück: (lacht) tatsächlich war das eine sehr amüsante zeit für mich, ich war noch sehr jung und hatte von der welt nicht viel gesehen. mein unmittelbares erleben und meine direktheit waren mir zu dieser zeit noch nicht als ungewöhnlich bewusst geworden – ich war so in unserer großfamilie aufgewachsen ! also war ich vor allem darüber überrascht, welche reaktionen mein verhalten, nachdem es auch in unserem dorf publik geworden war, auslöste. von unverständnis bis hin zu neugierig, schüchternem nachfragen, gab es alles. am deutlichsten habe ich meine überraschung in erinnerung. ich war regelrecht verblüfft, dass eine derartige geschichte so zahlreiche und unterschiedliche reaktionen in den menschen hervorrufen konnte ! das hat mich sehr bewegt.
AZ: haben das erscheinen ihrer geschichte und die reaktionen der menschen somit auch ihre weitere laufbahn geprägt ? vom heutigen standpunkt aus betrachtet, und ihre zahlreich publizierten bücher und projekte zum thema tausch- versus geldwirtschaft bedenkend, könnte das ein wesentlicher punkt in ihrer laufbahn gewesen sein.
Hans Glück: in gewisser weise haben sie wahrscheinlich recht. die veröffentlichung und die diskussionen haben mir unterschiede bewusst gemacht und mich in die lage gebracht auf fragen oder vorwürfe reagieren zu müssen. dadurch habe ich viel über mich und auch über die anderen gelernt, und dies hat bestimmt als konsequenz die klarheit meiner weltanschauung beeinflusst.
AZ: sie haben nur einige jahre nach der veröffentlichung von ›hans im glück‹ die erste regionale tauschgemeinschaft gegründet und mit viel erfolg geleitet. über die jahre ist daraus nicht nur eine europaweite institution, sondern eine philosophie entstanden, die beständig als gegenmodell zu unserem etablierten, kapitalistischen geldsystem in erscheinung tritt. gerade in krisenhaften zeiten, die verstärkt von existenzängsten und unsicherheiten geprägt sind, steigt die bereitschaft der bevölkerung sich anderen wegen zuzuwenden. warum sind sie der meinung, dass geld als tauschgrundlage versagt hat und einen irrweg ohne langfristiger zukunft darstellt ?
Hans Glück: die tauschgemeinschaft ermöglicht es eine persönliche freiheit zu schaffen, die das geldsystem für den größeren anteil der daran teilhabenden verhindert. mein erstes buch aus dem jahr 1912 ›vertrauen statt verdienen‹ erklärt meine ansichten dazu ausführlich. in den recherchearbeiten zu diesem text habe ich mir unablässig die frage gestellt, wozu geld gut sein kann, wenn doch immer jede und jeder zu wenig davon hat, und diese tatsache für die meisten menschen unserer gesellschaft in wesentlichen lebensbereichen eine unüberwindbare barriere darstellt. ich kehrte in meiner vorstellung an den punkt zurück, an dem geld zum ersten mal als tauschwert nötig wurde und wollte herausfinden, aus welchen umständen es dazu kommen konnte, diese idee zu haben. ich stellte sich vor, ich bräuchte einen sack äpfel und gehe mit diesem wunsch zum bauern. der bauer hat mehr äpfel als er selbst gebrauchen kann und ich habe das bedürfnis welche zu verwerten. soweit ist alles verständlich. doch nun verlangt der bauer für seine äpfel plötzlich einen gegenwert. ich frage: warum will er das ? und vor allem frage ich: wie kann man den äpfeln einen objektiven wert beimessen ? diese beiden fragen sind die kernelemente meiner arbeit.
ich beantworte beide frage mit einem zu geringen maß an vertrauen und schlage vor, dass wir alle darauf vertrauen, das zu bekommen, was wir brauchen und im gegenzug bereit sind, das abzugeben, was wir nicht brauchen – völlig ohne absicherung durch einen materiellen gegenwert ! diese methode funktioniert solange beide seiten bereit sind, zu geben, was sie nicht brauchen. dadurch tritt ein zustand der gleichberechtigung und unabhängigkeit ein. nach meiner erfahrung ist dieser zustand mit geld nicht erreichbar und dies widerspricht der natur der menschen. das ist der grund für meine meinung, dass in der geldwirtschaft nicht unsere zukunft liegen kann.
AZ: ihre annahme, geld könnte durch vertrauen ersetzt werden, ist heiß umstritten und wird nicht selten mit dem argument zunichte gemacht, dass die welt schlichtweg im chaos enden würde. was sind ihre erfahrungen in der umsetzung ihres konzeptes ?
Hans Glück: wenn es um chaos und krise geht, dürfen sie nicht vergessen: die welt ist bereits im chaos ! die furcht vor chaos wird zumeist mit der furcht vor dieser erkenntnis verwechselt.
um aber ihre frage zu beantworten: nach der veröffentlichung meines ersten buches im jahr 1912 durch den verlag übermorgen, wurde es nach nur zwei wochen wieder vom markt genommen und in deutschland verboten. es war kaum möglich eine öffentliche debatte zu diesen umständen anzustoßen, aber dennoch hatte sich daraus die glückliche möglichkeit ergeben, dass eine gemeinde von etwa 1500 menschen im südwesten des landes davon erfahren hat. in den darauf folgenden jahren habe ich eng mit diesen menschen zusammen gearbeitet und es ist uns gelungen, das freie tauschsystem, also ohne materiellen gegenwert, sehr weit in ihre gemeinschaft zu integrieren.
die effekte waren sehr beeindruckend: wir mussten die kommunikationswege stark verändern, es wurde mehr und anders kommuniziert. wir haben die tauschzentrale als vermittelnde informationsquelle entwickelt, mit druckprodukten experimentiert um angebotene leistungen publik zu machen, wir haben versammlungen und zusammenschlüsse in branchen etabliert und schlußendlich ein system entwickelt, das effektive kommunikation ermöglicht. heutzutage übernimmt das internet auf eine sehr einfache weise viele dieser funktionen, aber damals war diese art der intensiven und zielgerichteten vernetzung eine neue aufgabe. wir wollten ein lenkbares system schaffen, das nicht wie die zufallsgesteuerte mundpropaganda funktioniert sondern auch kontakte integriert, die nicht bereits durch persönliche bekanntschaft vorhanden sind. dieser punkt wurde besonders wichtig als sich neue menschen der tauschgemeinschaft anschlossen.
weiters haben die menschen aufgrund ihrer finanziellen unabhängigkeit und der daraus resultierenden persönlichen freiheit begonnen eigene ressourcen und die ihrer mitmenschen wahrzunehmen. das alles ist natürlich nicht von heute auf morgen entstanden und hat uns selbst viele unerwartete aufgaben gestellt. dennoch haben sich ideen und initiativen entwickelt, es entstanden in diesen freien zusammenarbeiten neue leistungen und produkte, die mitunter verkauft werden konnten um den teilbereich des lebens, der aufgrund der begrenztheit des projektes nicht vom herkömmlichen geldsystem abgelöst werden konnte, am laufen zu halten. die existenz der menschen war allerdings zu jeder zeit gewährleistet und es entstand kein druck. diese freiheit ist eine wesentliche basis für entwicklung. die menschen agieren weil sie sich an ihren leistungen erfreuen und nicht dazu verpflichtet sind – und das ist nur möglich wenn ihre existenz sichergestellt ist !
nach nur drei jahren war das system so weit etabliert und funktionsfähig, dass sämtliche leistungen, die innerhalb der gemeinschaft angeboten wurden, auch von dort bezogen werden konnten und viele neue entstanden waren. die verbindung zum geldsystem mußte zwar aufrecht erhalten bleiben, die abhängigkeit der menschen wurde aber deutlich verringert. über die jahrzehnte hinweg war zu beobachten, dass die flexibilität des netzwerkes umstände schaffen konnte, die einen unvorstellbaren fluß an kreation und natürlichkeit hervorbrachten. viele menschen begannen ihren wünschen zu folgen und es entstand ein ungekanntes, nicht aus der not heraus wertschätzendes verhalten gegenüber geben, nehmen und konkret dem herstellen von leistung oder produkt.
AZ: einer der ersten vorwürfe und zweifel, die ihrem system entgegentreten ist die ausnützbarkeit. viele menschen bezweifeln, dass in einem rahmen ohne objektiver bewertung gerechtigkeit ausgeübt werden kann. was passiert, wenn jemand nur nimmt, aber nichts gibt ?
Hans Glück: das ist in anbetracht dessen, was die meisten von uns (leider) gewohnt sind, ein nachvollziehbarer zweifel und wir waren in dem beschriebenen pionierprojekt häufig mit solchen situationen konfrontiert. beobachtungen haben gezeigt, dass dies teil des entwicklungsprozesses ist. eine derartige umstellung hat auswirkungen auf das gesamte lebensgefühl der menschen und auch auf wertvorstellungen, die die menschen selbst betreffen. in geldorientierten gesellschaften wird häufig die erfahrung gemacht, dass die menschen selbst nicht viel wert sind – oder nicht mehr als ihre erbrachte leistung. die leistungen, die sie erbringen, erbringen viele von ihnen aus finanziellem druck heraus und nicht aus sich selbst heraus. auch schafft die bewertung der leistung ungleichgewichte, die subjektiv in keinster weise nachvollziehbar und meiner meinung nach auch nicht gerechtfertigt sind.
es ist also verständlich, dass dem ablegen dieser gewohnheit ein entwicklungsprozess folgen muss, ehe leistungen aus den menschen selbst heraus entwickelt werden können. dem umbruch folgt nicht selten eine phase, in der sich orientierungslosigkeit breit macht. aber sobald das gefühl des zwanges dem der freiheit weicht und sich die menschen mit möglichkeiten umgeben wiederfinden, ist es nicht mehr aufzuhalten, dass früher oder später jede und jeder etwas einbringt.
dieses umdenken ist die bedeutendste veränderung, die sich später in allem wiederfindet. es ist die frage nach dem wert einer sache, aber auch nach dem wert eines menschen. in unserem system existiert keine objektive bewertung da objektive bewertung dem erleben schlichtweg nicht gerecht werden kann. es ist unmöglich mein persönliches bedürfnis oder meine persönlichen fähigkeiten objektiv zu bewerten. es ist unmöglich meine fähigkeit ein buch zu schreiben mit ihrer fähigkeit diesen artikel zu schreiben zu vergleichen. diese werte sind nicht vergleichbar. sie sind in ihrem eigenen nicht vergleichenbar und nicht austauschbar ! diese erkenntnis und vor allem die erfahrung verändert die menschen darin, wie sie sich selbst wertschätzen. diese menschen wiederum verändern die gemeinschaft.
AZ: das sind sehr beindruckende prozesse ! geld wird dennoch gemeinhin als neutraler wert betrachtet, der das tauschen vereinfachen und unabhängig machen soll. wie kann ich zum beispiel ein fahrrad bekommen, wenn keiner der tauschgemeinschaft fahrräder herstellt ?
Hans Glück: zum glück stellt sich dieses problem bei fahrrädern kaum ! aber ich verstehe ihre frage. hier treffen wir auf den punkt, an dem sich alle menschen am gleichen system beteiligen müssten. an diesen stellen knüpfen wir jedoch zur zeit noch an das herkömmliche geldsystem an da es dazu noch keine alternativen gibt.
ein gutes beispiel ist unser erstes krankenhaus in südfrankreich. es ist als teil einer tauschgemeinschaft errichtet worden und läuft nun seit acht jahren. die eröffnung einer solchen institution war ein sehr besonderer schritt, denn das gesundheitssystem ist ein wesentlicher bestandteil des lebens und sehr stark an finanzielle verhältnisse gebunden. das krankenhaus wurde durch die tauschgemeinschaft frankreich errichtet und wird von ihr alleine getragen. medikamente, spezielle untersuchungen, gerätschaften und alle dazugehörigen mittel, die nicht durch die tauschgemeinschaft eingebracht werden können, werden mit geldmitteln finanziert, die durch den verkauf unserer produkte und leistungen abgedeckt werden. ich freue mich sehr über die erfolgreiche symbiose in diesem sektor, die überzeugend gezeigt hat, dass zweifel an der umsetzbarkeit unberechtigt sind. ich bin zuversichtlich, dass die ausbreitung des tauschsystems nur noch eine frage der zeit ist und es sich durch sämtliche lebensbereiche ziehen wird.
AZ: herr glück, vielen dank für die einsichten in ihre arbeit. zum abschluß: sind sie heute so unbekümmert glücklich und zufrieden wie sie es als ›hans im glück‹ waren ?
Hans Glück: glück ist meist eine frage der perspektive. ich kann mit freude sagen, dass es auch heute noch momente des unbedarften glücks in meinem leben gibt. ähnlich dem des hans im glück, aber natürlich durch mein leben und mein alter in einer deutlich veränderten form – die ich im übrigen nicht gegen die des jungen hans eintauschen wollen würde !

Veröffentlicht unter Schreibübungen | Kommentar hinterlassen

›Ihr Haus‹ – Schreibübung zum Bild

mitten in der stadt steht dieses kleine, unauffällige gebäude. im alltagsgetummel und hasten der menschen fällt es kaum jemandem auf. der lärm der strassen, des konsums und der umstand, dass die vorüberziehenden im regelfall einen ankunftsort vor augen haben und ihre körper bloß den köpfen nachzueilen scheinen, lässt das haus in seiner ruhe verschwinden und sich dem spektakel entziehen. doch an diesem morgen war etwas anders.

das frühe tageslicht dringt durch die hohen fenster und erhellt die räume so, dass die wände gut sichtbar werden. ihre raue struktur ist in aller schärfe erkennbar, schatten weichen aus den ecken. teils reflektiert von den umliegenden gebäuden, teils direkt durch die vorderfenster kommend, füllen die sonnenstrahlen die räume bis in ihre letzten winkel mit licht. sich umsehend, die wände betrachtend, stellt sie sich erneut die frage, was sie hier noch soll. sie will hier raus, rast getrieben von raum zu raum, durch das gesamte haus, von einem ende zum anderen. sie springt von ecke zu ecke, nach oben, nach unten und will endlich frei atmen und sich ausbreiten können. ihre füße stehen heute nicht still, sitzen ist ihr unmöglich.
heute morgen ist sie mit all ihrer wut aufgewacht, und so direkt im tag gelandet, der ihr keinen moment gegeben hat um an etwas anderes zu denken – als wäre das jemals wirklich möglich gewesen. ihre hände tasten wie schon unzählige male die wände ab, die dicht verschlossenen fenster, die ecken, spalten und ritzen. ihre fingerspitzen suchen flehend nach ihr noch nicht bekannten stellen, nach veränderungen dieser aussenhaut, die auf ein entkommen hoffen lassen würden. zwischen angst vor der entäuschung und dem antrieb der wut zitternd, suchen sie nach brüchen oder möglichen bruchstellen, nach irgendetwas, was der kraft der hände nur ein einziges mal nicht standhält. in dieser gier nach freiheit wird sie zu einem einzigen ungeduldigen weg-wollen. die zigmal erfahrene unmöglichkeit kollidiert damit aufs kräftigste. wie soll sie in der zerissenheit zwischen diesem innigsten wunsch und den kalten, harten, beinahe über sie lachenden, undurchdringlichen wänden leben ? die räume des hauses sind groß, sie kann sich in ihnen frei bewegen, doch das leben hallt darin und ohne einem luftzug, der das außen mit dem innen verbindet, gefriert es – mag es noch so lebendig sein – zu einer starren fratze, der sie nichts mehr abzugewinnen weiß.

stein auf stein auf stein auf stein, festgehalten durch ihr eigengewicht, verbunden und verklebt, verputzt und freundlich dekoriert – so stehen die mauern völlig selbstverständlich wie gewachsen fest auf dem boden. schwer und mit sich selbst zufrieden steht das haus in seiner ruhe da. es wackelt nicht, bewegt sich nicht, keine ritze hat sich je gebildet, nichts hat sich gelöst. das haus wäre schlichtweg glücklich, könnte es fühlen. alle balken und verstrebungen halten, halten stand, stützen und tragen es mit höchster verlässlichkeit. seit hunderten von jahren steht es da ohne sich je gekümmert zu haben, ohne sich von wind, wetter oder anderen einflüssen aus seiner umwelt beeindrucken zu lassen.
jeder stein ruht schwer auf dem anderen, dem darunter, und der wiederum auf einem weiteren. so geht es von ganz oben bis hinunter, dorthin, wo es mit all seinem gewicht fest auf dem boden steht. unbeirrbar ruht das haus in der last seiner wände.
bisher hat es sich nicht um seine innenräume gekümmert, aber seit geraumer zeit bemerkt es ein unbestimmbares toben, das ihm unbehagen bereitet. es ist schwer zu erkennnen, woher das toben kommt, doch heute ist sich das haus sicher, dass es da ist und es nicht bloß der wind ist, der von außen an seine wände drückt. es muß von innen kommen. irgendetwas schlägt dumpf, kaum spürbar auf die wände des hauses ein und zieht sich tief innen durch die stockwerke. deshalb ist der ursprung schwer zu lokalisieren, erschwert es sogar, dieses etwas deutlich wahrzunehmen. unruhe kratz auch an ecken und kanten und ist selten, aber doch immer wieder für kurze momente, in einer der vielen ritzen zwischen den steinen spürbar – fast so kurz, dass zweifel berechtigt sind zu fragen, ob das gerade wirklich passiert ist oder nur einbildung war. doch – vorausgesetzt das haus täuscht sich nicht –, dann regt sich etwas in ihm.

Zwischen coffee-to-go und supermarkt, zwischen zeitungsstand und straßenmusikantin, zwischen busstation und u-bahn abgang, zwischen ungehörtem vogelgesang und ratten hinter den mülltonnen, wackelt ein haus. kaum sichtbar, doch durch den boden hinweg spürbar, vibrieren die wände des hauses unaufhörlich. da sich das vibrieren des bodens kaum von dem durch einen vorbeifahrenden lastwagen erzeugten vibrieren unterscheidet, bemerken die an der bushaltestelle wartenden es nicht. zu beschäftigt, schafft es kaum ein augenpaar in andere blickhöhen oder tiefere winkel des straßenzuges, erst recht nicht eine länger andauernde beobachtung zu vollziehen.
dem vibrierenden in sich zittern der wände folgt bald ein tiefes geräusch. der ton ist so tief als würde er inmitten der erde beginnen, ungewöhnlich tief. da nun auch die lautstärke steigt und er beständig alle zwischenräume ausfüllt und dann sogar den gewohnten lärm zu verschlucken droht, beginnen die menschen sich umzusehen. erst schweifen kurze blicke von einem straßenende zum anderen, dann treffen sich fragende gesichter und es wird deutlich, dass hier etwas vor sich geht. da sich das gehörte einer erklärenden antwort verwehrt, kehrt unruhe ein. bis schließlich einer der suchenden das haus entdeckt.
ein junger mann, an der bushaltestelle wartend, sagt ungläubig zu seinem neben ihm stehenden freund ~hier ! das haus dort drüben … es … es verformt sich~. sein freund will ihm schon den schlechten witz vorwerfen, doch als er dessen erschrocken staunendes gesicht sieht, folgt sein blick den augen des anderen und findet das erwähnte, von den restlichen häuserfronten etwas abgerückte haus. ob das tiefe brummen nun aus dieser richtung kommt, kann auch er nicht beurteilen. doch er sieht, dass das haus nicht einfach dasteht, wie häuser das zu tun pflegen. es scheint sich aufzublähen und zusammenzuballen in einem. er kann nicht einordnen was er sieht, aber er kann die unbändige kraft fühlen, die sich dort zu schaffen macht. für eine ewig andauernde weile lang stehen beide wie erstarrt da, ihre blicke gebannt, ihre körper unbeweglich beobachtend. jetzt hören sie nichts mehr, alle sinne sind zur gänze mit dieser außerordentlichen erfahrung beschäftigt, in deren mitte sie sich befinden. ihre gehirne arbeiten, versuchen aus den vorhandenen informationen sinn zu machen und eine logische und konsequente nächste handlung zu erarbeiten.
plötzlich wird das brummen von einem krachen übertönt oder begleitet. ein saugender luftzug wird zu einem starken wind, der direkt aus dem haus, in das haus oder rund um das haus und davon ausgehend sich ausbreitet und alles unbefestigte in einem wirbel mit sich zieht und von sich stößt. das gebäude bläht sich auf, wie ein luftballon. es verliert seine form und verzerrt sich derart, wie es die realität der physik nicht erlauben sollte.
in diesem moment findet einer der freunde zur sprache zurück, zerrt den anderen am ärmel: ~los, lass uns hier verschwinden !~

Veröffentlicht unter Schreibübungen | Kommentar hinterlassen

schreibübung zum thema ›welt‹

500g dinkelmehl, ein halbes kilo – so viel ist das gar nicht. weiß und braun, weil vollkorn, fällt es aus der papierverpackung, die genau diese menge beinhalten soll, in eine schüssel. der erste teil wird zwar mit folgsamer geduld durch ein kleines sieb geklopft und gerüttelt, doch der große rest landet mit einem schwupp in der mitte der schüssel.
finger streichen nun wie ein grobes sieb durch die leichte, kühle mehlmasse, durchforschen es fürsorglich nach klumpen um dem anspruch ›in eine schüssel gesiebt‹ doch noch in einer abgewandelten form und guten willen zeigend, nachzukommen. dann formen die hände eine mulde, die den boden der schüssel jedoch nicht berühren darf, und füllen diese vorsichtig von oben mit lauwarmem wasser. kleine hefeklumpen von ungewohnter konsistenz plumpsen von den fingern zermahlen dazu, salz und zucker wird darübergestreut.
mit diesem ersten schritt zufrieden und gespannt auf das weiter, tauchen die finger vorsichtig in das warme wasser, fassen nach dem umliegenden mehl und beginnen die bestandteile zu vermengen. immer mehr des mehls kommt dazu bis alles in unförmigen brocken an den fingern klebt. jetzt nicht aufgeben ! also geht es weiter, die hände halten nicht still bis ein klumpen in der schüssel liegt, der sich weder mit der schüssel noch mit den fingern der hände teilt. das geschaffene gebilde wird stolz aus der schüssel gehoben und auf eine stabile, mit mehl bestreute unterlage gelegt.
die schüssel aus dem weg geschafft, kneten die hände nun mit aller kraft genau fünf minuten lang. ungeübt fühlen sich die finger bald kraftlos, doch der teig wächst und reift schon jetzt mit jeder knetbewegung. behutsam und mit mehl bestreut wird das zukünftige brot in form gebracht, in folie verpackt gekühlt und über nacht sich selbst überlassen.

am nächsten morgen ist die folie gesprengt, doch dem teig zum glück nichts böses passiert. er ist gewachsen, hat sich von selbst mit luft gefüllt. was für eine schöne überraschung ! vorsichtig wird der teig nun gänzlich von der ihn noch umgebenden folie befreit, die das nächste mal doch deutlich großzügiger und luftiger um den teig gewickelt werden sollte. der letzte und wesentliche schritt, das backen, steht nun bevor: der teig, bereits auf backpapier und backblech liegend, wird ins gut geheizte rohr geschoben, ihm zuversichtlich viel glück gewunschen.
zur halbzeit erfolgt der erste blick aufs brot. das hat sich doch tatsächlich und zu meiner freude geformt und krusten bildet wie ich es auch von anderen broten kenne. die temperatur etwas zurückgenommen und noch etwas geduld !
so wartend macht sich das gefühl des brotbackens, wie ein ursprünglich und direkt das leben bejahender akt, wohligwarm im bauch bemerkbar. kurz kehrt ein moment der ruhe ein. kaum bemerkt ist der letzte rest der backzeit verstrichen und die ruhe schleunigst von aufregung und vorfreude abgewechselt: das brot muss raus !

Veröffentlicht unter Schreibübungen | Kommentar hinterlassen

Welt, wer bist du und was willst du von mir ?

da stehe ich und du schreist mich an. danke, so wollte ich das nicht.

Veröffentlicht unter Schreibübungen | Kommentar hinterlassen

Die Mühen des linken Auges – Teil 3

Huuhuuuuuh, macht der Sturm in einer tiefen, brausenden Stimme. Wie war das nochmal ? Ein wilder, alles-fressender Sturm–? – Zerfleischend, das kann ich schon von hier aus sehen, und auch wie er sich in den Körpern seiner Opfer verkrallt, das Fleisch in Fetzen von ihren Knochen reißt, Teile aus den Menschen herausreißt und ihnen Stück für Stück sie selbst wegnimmt. Abgetrennte Körperteile, Knochenstücke und gestohlene Fleischfetzen fliegen verbraucht durch die Luft, es spritz in allen unverdauten Farben.
Das Fleisch ist unnütz sobald es herausgerissen ist, das Reißen selbst ist das Wesentliche dieser Gewalt: Die Risse in der Haut, in den Muskeln und Sehnen, die Fasern, nicht schön abgetrennt sondern mit aller Unachtsamkeit und so sehr gegen ihren eigenen Willen wie es zuvor und selbst danach unvorstellbar war, auseinander gerissen. Das Reißen hat Schärfe und diese besondere Bösartigkeit in der auch die Lust der Gewalt liegt.
Derart bricht es aus dem Sturm hervor weil er es selbst nicht mehr ertragen kann, will es dem anderen antun weil er sich aufgegeben hat, ›Dir soll es so schlecht ergehen wie es mir ergeht ! Ja ! Und nicht anders !‹, so schreit es sprachlos und blindlings durch die feuchte, blutverregnete Luft.

Keine Ahnung wie ein Sturm Krallen haben kann, es könnten auch Zähne sein – oder wie sieht gleich nochmal der Inbegriff des Bösen aus ? Wenn ich das wüsste. Doch in der Regel will das niemand so genau wissen, oder ?
Aber zurück, ich bin ein großes Stück vorausgesprungen. Tatsache ist nämlich, dass der Berg aus dem vorhergehenden Teil im Vergleich zu dieser Erscheinung ein Kinkerlitzchen war. Deshalb kommt Unordnung in die Geschichte. Ich könnte ohne in der Erzählung voran zu kommen problemlos seitenlang zerrissene Sätze stammeln oder wild um mich schreien: mit einer unfassbaren Wucht – das Reißen und Zerfetzen – die Muskeln in Geringeres als ihre Fasern zerteilt – verlorene Schreie und undeutbare Grimassen fliegen durch die Luft – Eingeweide rollen sich aus – ein Nebel aus Wut und Körperflüssigkeiten bedeckt den Himmel – Knochen bersten im Rasen der Gewalt – glitschiges Krachen, Schlucken, schleimige Hautreste, die … – Woher kommt das ? Und nebenbei gefragt: Warum macht es mir Spaß das zu schreiben ?
Die Bilder sind nicht meine, die kommen aus den Jahren 1979 bis 2010 und sind kulturbedingte Bildsprache. Die zu erforschen wäre eine eigene Aufgabe und vor allem eine andere Geschichte. Deshalb belasse ich sie großteils so, wie sie auftauchen. Die Gefühle jedoch, und darüber bin ich selbst gelegentlich schockiert, kommen aus mir – sonst würde nicht ich diese Geschichte hier erzählen. Dass sie aber nicht aus mir selbst kommen sondern quasi in mich eingezogen wurden und ich nun die Arbeit habe sie wieder rauszuwerfen, hat mit der Träne zu tun. Das ist übrigens ein guter Punkt um die Fortsetzung anzuknüpfen.

War denn dieser Sturm auch Teil der Träne ? Was hat er mit ihr zu tun ? – Solange ich den Sturm nicht besser kenne, ist es schwierig, diese Fragen zu beantworten. Der Sturm allerdings, wie bereits oben beschrieben, verhält sich mir gegenüber alles andere als einladend. Ich würde weitaus lieber ein Buch über ihn lesen als ihm direkt zu begegnen. Da ich jedoch genau wissen will was hinter der Träne steckt und wohl kaum jemand ein Buch über meinen Sturm hier geschrieben hat, bleibe nur ich übrig um ihn zu erforschen. Ich könnte mir definitiv schönere Aufgaben vorstellen, aber die im eigenen Auftrag sind wenigstens die Spannenderen.
Diesmal erspare ich mir die höflichen Annäherungs-versuche, das Gerede und das Beobachten und gebe offen zu, ich stehe dem Sturm von Anfang an völlig ratlos gegenüber. Soll ich mich von ihm auffressen lassen, mich zerfetzen und zerfleischen lassen um dann vielleicht wieder in einer Höhle zu landen und dort bis ans Ende meines Lebens gefangen und gefoltert zu werden ? Soll ich ihm alles von mir geben, nur damit ich sehe was passiert und ob vielleicht etwas von mir übrig bleibt ? Muss ich das tun, oder gibt es einen anderen Weg ? Ich weiß es nicht ! – So einfach ist die Antwort.

Ja. Dabei könnte ich es doch belassen, oder ? – Aber die Geschichte wäre beendet, denn was könntest du noch schreiben ? – Ich könnte das Ende schön ausschmücken und den Sturm als vergängliche Unannehmlichkeit, … wie zum Beispiel einen Gelsenstich …, abtun: ›Es war im ersten Teil ein Sturm erwähnt worden, wie wir zum Glück alle wissen, gehen Stürme wieder vorbei und so erging es selbst-verständlich auch diesem. … Gute Nacht und bis zum nächsten Mal !‹ – Hmm, das ist äußerst belanglos und dient wohl kaum einem ruhigen Schlaf. Der Sturm ist in seiner Wirksamkeit doch nicht belanglos, also kann die Geschichte nicht so zu Ende gehen ! … Was willst Du von ihm ? Willst Du ihn vernichten ? Willst Du ihn zähmen, be-freien ? – Eigentlich will ich bloß nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ich will ihn rauswerfen. Ich will ihn nicht retten oder trösten und auch nicht befreien. Ich will ihn einfach los werden. Ich will auf keinen Fall nett zu ihm sein – das muss ich sagen und besonders betonen ! Ich habe kein Mitleid und kein Erbarmen, kein Verständnis und keine Nachsicht. – Na bitte, das ist doch schon mal ein guter Anfang ! Was ist also mit der Geschichte ? Wohin führt sie ? Wie endet sie ? Was kannst Du tun ? – Ich könnte 3000 Wörter in Fragesätze verpacken und dann mit der Antwort ›Ja‹ enden … ich könnte aber auch mit ›Nein‹ enden, das wäre vermutlich bei diesem Thema die bessere Antwort. – ›NEIN‹ halte ich für ein ausgesprochen gutes Konzept ! Jetzt musst du es nur noch in die Sprache des zerfleischenden Etwas übersetzen und die Sache wäre ein für alle mal gegessen ! – Ja, gegessen. Ha-Ha. – Ok, ich sehe, deine Abenteuer-lust ist heute etwas gedämpft. Kann ich dir denn irgendwie Geschmack daran machen, dich zerfleischen zu lassen, bloß um zu wissen was danach passiert ? Und natürlich, und nicht zu vergessen, vor allem damit die Leserinnen der Geschichte einmal mit dabei sein können ? Bitte ! – Du nervst ! Aber bitte, dann lasse ich mich zerfleischen. Was soll’s, wäre ja nicht das erste Mal und bisher habe ich es ja offensichtlich auch überlebt. – Danke !

Ich stehe also vor dem Sturm. Im Gegensatz zu dem Berg, der in der Küche stand und kochte, befindet sich der Sturm vor der Wohnungstüre im Vorraum und tobt. Ja, das soll auch heißen, dass ich nicht raus kann ohne an ihm vorbei zu müssen. Keine Ahnung warum das so ist.
Der Sturm ist eine tobende Furie mit Krallen und Beiß-zähnen. Weil es ihn doch in Wirklichkeit gar nicht gibt, erspare ich mir die Beschreibung der Äußerlichkeiten und lande gleich inmitten der Gewalt.
Soll ich nun die Szenarien der Gewaltausübung beschreiben, die vernichtenden Methoden der Unter-drück-ung, der Verleugnung, des Wegredens, des Darüber-Hinweg-redens, die Ignoranz, das Überstülpen von einer Wirklichkeit über eine andere ? Wäre das dem Verständnis zuträglich und vor allem: Wollen Sie das wirklich so genau wissen ?
Also gut. Das Zerfleischen wie oben erwähnt und beschrieben ist der Anfang, hört aber auch später nicht auf, weitet sich bloß auf andere Teile aus. Erst wird der Körper zerfleischt, in Stücke gerissen und damit klar gemacht: ›Der gehört dir nicht, ich kann mit ihm machen was ich will und das tue ich auch !‹ Dadurch wird mir jede einzelne freie Bewegung weggenommen. Selbst das Atmen wäre hier ohne Bewegung angebrachter und ist mir unangenehm: ›Muss sich mein Brustkorb denn wirklich heben und senken, nur damit ich atmen kann ? Geht das nicht auch anders ?‹
Nachdem mir die Bewegung versagt wurde, wird mir das Dasein abgesprochen. Ja, ich wäre auch nicht darauf gekommen, dass das überhaupt möglich ist, aber meine Füße haben mir verlässlich davon berichtet. Es geht um das Dasein, das beispielsweise im Hier-stehen Ausdruck findet. Ich dürfte gar nicht hier sein – oder eben stehen. Aber was soll ich denn tun ? Hier bin ich nun mal. Wohin soll ich denn verschwinden ? Ich werde doch in der Bewegungslosigkeit gefangen gehalten und kann gar nicht weg ! Was für eine Zwickmühle, was für ein Paradox.
Mir erst jede Bewegung zu untersagen damit ich nicht auffalle oder im Weg stehe, lässt sich einrichten. Bewegung kann ich reduzieren, mich in meinen Körper zurückziehen und dort unauffällig verharren. Aber wohin soll ich mich zurückziehen, wenn ich nicht einmal in meinem Körper sein darf, wenn ich schlicht und einfach nicht sein soll ? Wo sollen meine Füße stehen, wenn nicht auf dem Boden unter ihnen ?
Das klingt nach einer unerfüllbaren Forderung. Tatsache ist jedoch, und da könnte ich meinen Füßen dankbar sein (wenn ich nicht so überrascht wäre, wäre ich das auch ), sie haben einen Weg gefunden: Ich stehe hier und stehe nicht hier. Ich stehe, als wäre ich nicht da. Ich gehe auch, als wäre ich nicht da. Ich spüre und berühre den Boden nicht mehr. Selbst wenn ich springe, lande ich nicht auf dem Boden, sondern kurz davor. Jetzt bin ich unhörbar, unscheinbar, unsichtbar. – Sie wollen wissen, wie das geht ? – Ich bleibe nicht nur in mir drinnen, sondern ich bin in meinen Füßen noch weiter nach innen gerückt. Ich fülle meine Füße gar nicht mehr aus. Irgendwo tief in den Knochen stecke ich jetzt. Viel Platz ist da nicht, aber da drinnen, in den Knochen, ist es sicher. Die Knochen sind hart, da kann niemand so schnell hin und sie sind am tiefesten versteckt. Weiter zurück kann ich nicht, aber für den Moment scheint das auszureichen.

Um das Paradoxe an meiner Lage noch einmal zu erwähnen: Obwohl ich mich nicht lebendig fühle, bin ich nicht ganz tot. Das ist vermutlich gut, bringt aber auch einen Haufen Leid mit sich. Denn dadurch, dass ich noch am Leben bin – oder so etwas Ähnliches –, bleibt ein Stückchen von mir übrig, das der Sturm sich einverleiben kann. Mit diesem letzten Stückchen macht er weiterhin was er will und bringt mich dazu dort stecken zu bleiben wo ich jetzt bin. Das funktioniert, da der letzte Rest von mir permanent damit beschäftigt ist, Dinge für den Sturm zu erledigen, sich ihm zu fügen, alles richtig zu machen, nur nicht zu weit aus den Knochen heraus zu kommen. Es bleibt keine Kraft übrig, kein Kraftsammeln um auszubrechen, kein Um-mich-blicken um Hilfe zu finden, kein Atemzug, der mir gehört.
Mein Inneres zerrt mich zwar wohlwollend und beständig in alle Richtungen, die von hier wegführen, doch dieser letzte Teil meiner Kraft muss irgend möglich meinen Körper aufrecht und die wegstrebenden Einzelteile zusammen halten. Sollte mir das nicht mehr gelingen, würde mein Körper zusammenbrechen. Es bliebe nichts mehr übrig – keine Knochen, in die ich mich zurückziehen könnte. Ich würde verpuffen, pfffffffh-ph. Oder explodieren, pchuuh. Oder beides.

All das geschieht in einem Bruchteil von Sekunden und – voilà – ich bin verschwunden und stecke in meinen Knochen fest. Großartig, was Zerfleischen so anrichten kann. Jetzt wissen sie es auch.
Doch ich weiß immer noch nicht woher es kommt. Das Einzige, was ich hier noch wahrnehmen kann, ist die Not. Not an Allem. Not an Leben. Hier ist eindeutig nicht genug Leben für mich. Mit einem Lebensfresser habe ich es also zu tun.
Ich kann nur von Glück sagen, dass ich das ganze Geschehen überhaupt mitbekommen habe, denn ich bezweifle, dass ich jemals auf die Idee gekommen wäre, ich könnte in meinen Knochen feststecken und mich dort wiederfinden. Ich kann Ihnen nicht sagen wie sich das anfühlt. Sehr verkrüppelt, kaum zu beschreiben. Stellen Sie sich jede unnatürliche Windung Ihres Körpers gleichzeitig vollzogen vor, jedes einzelne Gelenk in sich hineingewunden, verdreht und schließlich verklemmt wie es unangenehmer nicht sein könnte – Ja, und jetzt das Ganze nochmal ! Da hinein, bis alles von Ihnen drinnen ist und nichts mehr draußen und dort in die tiefste, unvorstellbare Tiefe. Und ja, die existiert – sonst wäre ich jetzt nicht dort.
Das ist also die Bescherung und hier ist niemand den ich fragen könnte was das eigentlich soll. Tja, dann frage ich eben mich, ich bin ja noch hier: Was soll das eigentlich ? Wie komme ich hier wieder raus ? – Du musst einfach rausgehen. – Ja ? – Der Sturm ist eine Illusion. Nein, nicht wirklich eine Illusion, er ist da, aber du musst ihm nicht Folge leisten. Du kannst Zurückstürmen ! Du musst sogar Zurückstürmen, vielleicht kannst du ihn in Fetzen zerstürmen sodass er nie mehr seine gesamte Gewalt entfalten kann ? – …, in Fetzen stürmen also, … ja, ich überlege. Muss ich mir dazu vorstellen können wie ich das tue ? Kann ich nämlich nicht, das ist mir alles eine Spur zu unvorstellbar. Vielleicht kann ich doch mit dem Sturm reden, ihn fragen was er will oder warum er das tut.

Als er kommt, sitze ich wie in einem Verlies gefangen da und all meine Aufmerksamkeit ist bereit zu reagieren, Modus ›maximale Anpassungsfähigkeit‹, alles Unerwartbare muss erwartbar sein, bereit alles von mir herzugeben um zu genügen, bereit alles zu tun. Nichts von mir bleibt, wie grausam das ist.
Ich sehe zu, wie das mit mir passiert und es stürmt schon durch mich durch. Zeit zu fragen: Ich versuche die Worte zu sprechen um meine Frage zu stellen, da merke ich, wie mir die Gedanken dazu abhanden kommen. Noch weiß ich, dass ich etwas sagen wollte und sehe genau, dass da eine Stelle war, an der die Worte bereit lagen. Nun ist diese Stelle nicht mehr mit klaren Begrifflichkeiten sondern mit trübem Nebel gefüllt. Selbst der beginnt sich langsam aufzulösen und mit ihm das Wissen um meinen Wunsch eine Frage zu stellen. Welche Frage war das nochmal und warum war sie von Bedeutung ? Ich weiß es nicht. Was soll das denn überhaupt sein ›eine Frage stellen‹ ? Das verstehe ich nicht.
Es bleibt nichts übrig. Ich sehe nichts mehr. Ich bin eine Masse, knetbar, verformbar, eine Ressource. Ich bin ein Schraubenzieher, ein Türöffner, ein Wecker, ein Diener, ein Hund, ein Begleiter, ein Unterhaltungsprogramm, ein Mülleimer, ein Kuscheltier, ein Universalwerkzeug. Manchmal praktisch und in Verwendung, manchmal einfach zur Seite gelegt. Es gibt mich selbst nicht mehr, ich existiere nur über meinen Gebrauch. Mir fehlen die Gedanken, mir fehlt mein Körper, mir fehlt die Welt und alles, was mich mit ihr in Verbindung bringen könnte. Mir fehlt die Zeit, die Erinnerungen und die Wünsche. Mir fehlt das Erleben, die Erfahrungen, das Wahrnehmen, das Verstehen und das Tun. Ich fehle mir, aber selbst das habe ich bereits ver-gessen und alles scheint genau so gut zu sein.
Was ich für ein Glück habe, dass mir gar nichts fehlt, dass alles so einfach und wunderbar in Ordnung ist, dass ich alles habe, was ich brauche ! Wie zufrieden und glücklich ich doch bin ! Ich freue mich so, dass du da bist du, mein Alles und den Abendfilm im Fernsehen will ich heute nicht versäumen hast du das Spülbecken ordentlich geputzt ja, ich habe auch noch einmal nachgesehen ob das Auto noch da ist nimm dir einen Keks aber brösle nicht iss ruhig das schadet nicht ich hab’ dich ja so lieb !

Plötzlich kracht es unter der Oberfläche. Es donnert, es rauscht, der Boden bebt. Eine Wölbung entsteht, eine Biegung im Raum, die alles verzerrt, verformt und langsam verschiebt. Erst dehnt sich alles. Die fest gedachte Masse versucht zwar ihre Teilchen zusammen zu halten, doch die Kraft der Weite nimmt zu und alles strebt auseinander.
Es entstehen Zwischenräume, Luft tritt ein, Platz, den es zuvor nicht gegeben hat. Immer war alles gewissenhaft ausgefüllt damit sich nur ja nichts Fremdes, Eigenwilliges oder Unkontrollierbares einschleichen kann. Doch jetzt und hier entstehen diese neuen Orte und werden größer bis die Hülle selbst zu reißen beginnt. Das Krachen wird ein Knirschen, reicht tief in diese Welt hinein und lässt sie nicht wieder los.

Das Zerbrechen ist wundervoll.

 

Veröffentlicht unter Die Geschichte | Kommentar hinterlassen

Die Mühen des linken Auges – Teil 2

Der weiße Berg, gefüllt mit schreienden Fratzen: Außen strömt die Kälte, innen das Chaos. Wie Würmer ragen die schlauchartigen, graufahlen Körper der Fratzen aus einem unerkennbaren Schlund. Diese unerfreuliche Farbe hat ihnen wohl die Mühe des Schreiens beschert. Mit fahrigen Bewegungen schwanken sie, einzelne wenden sich plötzlich aus unerfindlichen Gründen mitten in der Bewegung in eine andere Richtung, sie zucken. Sie zucken zurück, wieder nach vorne, machen Bewegungen, die ich mir bisher noch nicht einmal vorgestellt hatte. Als würden sie von tausend Händen gleichzeitig gelenkt werden, von fünfhundert unterschiedlichen Gehirnen Befehle empfangen. Ich bin mir sicher, die wissen nicht was sie da tun. Dennoch: Es geht los ! Dort will ich jetzt hin um endlich den Ursprung der linksgeweinten Träne aufzudecken !

Kaum erblicken sie mich – nein, sie blicken nicht, sie nehmen mich wahr –, wenden sich die Fratzen in meine Richtung. Die grauen Gestalten mit ihren hellen Gesichtern, die vom Schreien gewaltig verzerrt sind, blicken mich an. Naja, sie haben eigentlich keine erkennbaren Augen, ihre Gesichter sind völlig von ihren schreienden Mündern beherrscht. Dort scheinen sich all ihre Sinne versammelt zu haben. Trotz der permanenten Bewegung und Unruhe schaffen sie es eine Art Focus zustande zu bringen: sie fokussieren mich. Ich beginne die Kraft zu fühlen, die in ihren Schreien gebunden ist und unaufhörlich strömt. Die Kraft beginnt auch an mir zu ziehen, an all meinen Fasern; umso mehr je näher ich an sie herankomme. Ich wehre mich, wider-setzte mich ihnen und sie verstärken ihre Bemüh-ungen, werden lauter und durchdringender, ziehen mich an sie heran, wollen mich einnehmen. Ich kann den Schrei schon in mir spüren, wie er sich zusammenballt, will ihm aber meinen Körper nicht zur Verfügung stellen.
Ich bleibe also stehen. Weiter gehe ich lieber nicht. Die Fratzen bemerken das und zum ersten Mal erkenne ich einen anderen Ausdruck in ihren Schreien. Der Verlust der Hoffnung sich auch meine Kraft einverleiben zu können, hat ihn verändert. Klirrende Momente tauchen auf und lassen mich die mächtige Verzweiflung dieser Wesen erahnen … Huh, diese Situation könnte nach meinem Geschmack durchaus einen Plan gebrauchen.

Ich will wissen was sie wollen, warum sie so schreien. – Dann frag sie doch einfach ! – … ja, das mache ich auch !

Der Gruppe zugewandt frage ich also freundlich und als würde ich ein Gespräch mit meiner Sitznachbarin beginnen wollen, ›Warum schreit ihr so ?‹ – keine Antwort, wahrscheinlich haben sie mich nicht gehört. Also noch ein Versuch und zwar ein lauter: ›Wah-rum schreih-t ihr sooh?‹, ich komme mir ein wenig lächerlich vor, aber die Frage scheint in irgend-einer Form angekommen zu sein. Die Fratzen wenden sich von mir ab, mehr einander zu, als würden sie demokratisch abstimmen wollen, was dieses Geschehen hier zu bedeuten hat. Ich vermute, dass sie die-se Frage zuvor noch nicht gehört haben, dass sie bisher überhaupt niemand je etwas gefragt hat ! Also gönne ich ihnen ihre Verwirrung und warte geduldig.
Es dauert auch gar nicht lange – und alles ist wie zuvor. Sie ignorieren die Frage einfach ! Ob das eine kluge Entscheidung war, dessen bin ich mir nicht so sicher, immerhin bin ich doch auch für sie eine Gelegenheit zur Abwechslung, eine Möglichkeit ihr Leiden zu pausieren. Die Formation der Fratzen und ihre Schreie finden in ihre vormalige Form zurück und vertrieben, als wäre sie nie gewesen, ist die kurzfristige Verdutztheit der Masse.

Was kann ich noch tun um etwas Aufschlussreicheres von ihnen zu hören zu bekommen als diese Schreie ? – Hmm. – Vielleicht spricht ja ein Einzelner mit mir ?

Ich versuche einen der Köpfe anzufassen, ihn damit auf mich aufmerksam zu machen und für einen Moment vom Schreien abzuhalten. Ich strecke meinen Arm nach ihm aus, langsam und die Gruppe stets im Auge behaltend, doch das Wesen lässt sich nicht von mir fassen. Es ist nicht einmal wirklich fest. Es ist der pure Strom des Schreies. Ich schüttle verwundert den Kopf – Was ist das hier ?
Ratlos, mittlerweile auch ärgerlich gestimmt weil all meine gutmütigen Bemühungen von diesem Wall der Schreie abprallen und genervt von dieser permanenten Lärmbelästigung, versuche ich sie mit einem Schrei aus ihrer festgefahrenen Spur zu locken: ›Haaaaaaaaaah !‹ – daraufhin wird es nicht nur in mir sondern auch um mich lauter. Alles wird lauter, die Fratzen werden lauter, und es wird noch lauter und lauter und lauter und lauter und lauter. – – Nein, nein, das klappt so nicht. Die kommunizieren nicht mit mir, erzählen mir nicht einfach ihre Geschichte, schreiben auch kein Buch für mich und geben mir kein Interview. Damit ist die Versuchsreihe der freundlichen Annäherung abgeschlossen, ich werde in diesen Berg hineingehen und mir selbst ansehen was da drinnen vor sich geht.

Zuvor, noch einmal die Lage checken, das Wichtigste überdenken: Ich, ich bin ein Mensch, mit Körper, Gefühlen, einem Willen und einem Ziel. Ich erinnere mich an die Träne, die ist wichtig, sie war nicht meine und dennoch hat mich etwas dazu gebracht sie zu weinen. Wie klein und unscheinbar sie hätte sein können, und doch steckte so vieles in ihr …

Gut, das für mich nochmal so klar ausgemacht zu haben, denn ruckeldizuck packen mich die Fratzen ohne dass ich mich ihnen auch nur einen einzigen Millimeter genähert hätte. Ihre Hälse sind plötzlich dreimal so lang, ragen in weitem Bogen aus dem Berg heraus, kommen von allen Richtungen um mich, durchdringen mich und ziehen mich so mit ihnen fort.
Mir bleibt mit einem Schlag die Luft weg, alles ist mit Schrei gefüllt, alle Kraft ist mobilisiert, Ruhe existiert schlichtweg nicht mehr. Das Strömen ist unaufhaltsam und so strömt es jetzt auch durch mich hindurch. Oder ströme ich ?
– – – – —  So muss sich die Ewigkeit anfühlen, kein Anfang und kein Ende. Für eine gefühlt sehr lange Weile bekomme ich gar nichts mehr mit, vor allem nicht mich. Irgendwann beginnen meine Sinne sich langsam wieder vom Schrei getrennt zu erleben und ich erinnere mich an meinen Atem. Wie gut den zu spüren ! Ich atme.
Die Atemzüge bringen Eindrücke mit sich: Ich falle – noch immer. Rund um mich die Bewegungen der Fratzenhälse und das Strömen. Die Schreie selbst werden weniger deutlich, weichen dem Rauschen der Kraft, die sie entstehen lässt. Es ist unglaublich laut, aber es durchdringt mich nicht mehr. Ich falle darin nach unten. Besser ich denke nicht an die Landung, nach so viel Fallen kann das nicht besonders angenehm werden. Tatsächlich aber wird das Fallen nach einiger Zeit langsamer, ich bekomme mehr und mehr von meiner Umgebung mit. Ich sehe die Enge in der sich die grauen Hälse strecken und gemeinsam bewegen. Je weiter ich nach unten komme, desto mehr werden die einzelnen Hälse zu einer grauen Masse, wie ein Nebel oder dichte, sichtbare Luft. Die Farben sind zwar nicht einheitlich, Schattierungen sind noch erkennbar, aber all die Bewegung, der unbändige Strom ist hier sehr ruhig. Ich treibe nur noch langsam nach unten und sehe mir alles genau an. Da und dort gibt es Löcher, manchmal kleine Formen und Figuren. Das Treiben wird sehr sanft, überraschenderweise fühle ich mich wie eingebettet und behutsam gewogen. Ich schließe nach dieser Anstrengung müde meine Augen. Hier ist es wirklich angenehm. Warm, weich und so wunderbar ruhig. Als könnte niemals auch nur irgendetwas diese Ruhe stören. Ich gähne laut vor mich hin, räkle und strecke mich, reibe mir die Augen. Wie erholsam das ist !
Doch schließlich kehren die Fragen zurück: Ist das nun der Grund des Schlundes ? Ist hier noch irgendjemand ? Kann mir wer erklären was das hier ist ? Ich wende mich an meine Umgebung, ›Hallo ? Ist da jemand ?‹. Mein Atem. Und Stille. Aber da ist noch etwas, ein Rascheln, ein Knistern. Ich horche genau, halte den Atem an. Da ist jemand ! Ein Mensch, klein wie ein Kind, aber nicht mehr so jung. Ich blicke um mich und unter mir lichtet sich der Nebel, fester Boden wird sichtbar und der Ort als eine Höhle erkennbar. Links unter mir sehe ich die Gestalt, neige mich ihr zu und treibe zum Boden hinab. Ich bin riesengroß dort unten, bücke mich erst und setzte mich. Ich sehe diesen Menschen an, er blickt zu mir hoch, steht aber sonst noch immer unbewegt da. Sein Gesicht ist freundlich und aus mir unerfindlichen Gründen ist mein erster Impuls Freude ihn zu sehen.
Er lächelt mich schüchtern an und fragt mit einem ängstlich-skeptischen Unterton, ›Was willst du ? Warum kommst du hierher ?‹.
Ohne Umschweife erzähle ich ihm von der Träne. Er nickt immer wieder und schließlich sagt er wie beiläufig, ›Ich kenne die Träne‹.
›Ja !?‹, frage ich verwundert und mit großer Erwartung zurück.
›Ja. Sie war einmal meine Träne.‹
Ich bin so verwundert und erfreut vielleicht doch noch einer Antwort näher zu kommen, dass jeglicher Ärger wie davongeblasen ist. ›Aber, – , warum hast du sie mir geschickt?‹
›Ich habe sie dir anvertraut weil ich dir meine Geschichte erzählen wollte.‹
›Aha, anvertraut. Aber hättest du mich denn nicht erstmal fragen können bevor du mir diese rätselhafte Träne schickst, sie mir regelrecht aus dem Auge zwingst ?‹, meine Empörung kehrt in Spuren zurück. Nicht, dass er denkt das wäre einfach so in Ordnung gewesen !
›…‹, er schweigt.
›Also gut, hier bin ich nun. Dann erzähle mir deine Geschichte. Ich will sie hören.‹ – Was soll ich sonst sagen ?
›Du musst mitkommen, die Geschichte kannst du nur sehen, erleben.‹ Mit diesem Satz fasst er mich an der Hand, ich schrumpfe zusammen wie Alice im Wunderland und stehe, gerade mal einen Kopf größer als er, neben ihm.

Wir gehen in die Höhle hinein. Diese stellt sich als äußerst komplex heraus, als wären einzelne Welten in ihr versammelt worden. Er kennt wohl schon all die Gänge in- und auswendig, denn die unzähligen Abbiegungen und Verzweigungen geht er wie selbstverständlich – und immer noch meine Hand fest haltend.
Es ist sehr still hier unten. Manchmal kann ich wie von weit entfernt Geräusche hören, aber nicht zuordnen. Jedesmal entfernen wir uns wieder von ihnen. Die Höhle ist sehr organisch, alles ist rund, wie schon vor langer Zeit entstanden, sehr lange bewohnt oder begangen. Obwohl es hier keine Lampen gibt – und auch keine Sonne, ist es nie völlig finster. Dunkelbraun, das ist die Farbe dieser Welt. Wir gehen sehr zielstrebig, also ich nicht, aber die Hand in meiner führt mich zielstrebig voran.
Nach weiteren Gängen, auch aufwärts und wieder ab-wärts, spüre ich die Luft wärmer werden, dichter, mein Atem wird schwerer. Spannung liegt in der Luft. Ich will wissen was auf mich zukommt und frage, ›Warte, wohin gehen wir denn ?‹.
Er antwortet nur kurz ohne sein Tempo zu verlangsamen, ›Es ist der Ort von dem ich komme‹.
›Und warum bist du nicht mehr dort ?‹
›Ich bin geflohen, aber du wirst schon sehen‹, und er zieht mich weiter.

Ohje, das stimmt mich nicht zuversichtlich.

Nicht viel später bleiben wir stehen. Vor einer Mauer stehend sagt er aufgeregt, ›Hier ist es ‹.
Ich frage, ›Wie, hier ist es ?‹
›Hier geht es hinein, du musst dich hier hinstellen und dann bist du mitten drinnen‹, er deutet auf die Wand.
›Kommst du denn nicht mit ?‹
Erschrocken seine Antwort, ›Nein‹ – spürbar hält er seinen Schreck zurück um mich nicht zu verschrecken – ›Wenn ich mitkomme, kann ich nicht wieder zurück‹.
›Und wie kann ich zurück ?‹
›Du wirst es sehen, du kannst nicht bleiben, also wirst du zurück kommen. Mache dir keine Sorgen.‹ – Jaja, ich mache mir keine Sorgen. Wer würde denn auf die Idee kommen, vor dem unsichtbaren Eingang zu einem unbekannten Ort stehend auch nur eine Sekunde daran zu verschwenden, sich Sorgen zu machen ?
Ich sehe die Wand an, ich sehe ihn an. Er versucht aufmunternd zu lächeln und sagt, ›Ich bin froh, dass du gekommen bist‹. Ich bin mir nicht mehr so sicher froh zu sein und sage, weil mir sonst nichts einfällt: ›Danke‹. Er nickt mir kaum merkbar zu und ich trete einen Schritt weiter in Richtung Wand, an die besagte Stelle, und – –

Tatsächlich, ich bin mitten drinnen. Oder sagen wir mal in der Mitte von Etwas. Dieses Etwas ist in diesem Fall aber rein gar nichts. Rund um mich ist sehr, sehr weit gar nichts. In allen Richtungen, nichts !
Ich warte nicht ab und gehe schnellstens zurück, denn das finde ich nicht besonders hilfreich und es beantwortet keine einzige meiner Fragen. Das Zurück klappt zu meiner Freude sehr leicht, denn es passiert ganz einfach.
›Hallo ? Bist du noch da ?‹ – Ja, da ist er. Ich schieße los, ›Da ist nichts, gar nichts. Nicht einmal irgendetwas. Mehr Nichts als man sich vorstellen kann. So viel Nichts, dass aus dem Nichts beinahe schon wieder Etwas wird. Ich weiß nicht was da hätte sein soll, ich muss irgendwie am falschen Ort gelandet sein !‹
Er grübelt, runzelt die Stirn und antwortet nicht.
Diese permanente Rätselhaftigkeit beginnt mich zu ärgern. Die Umwege, die ich hinter mir habe, die Ablenkmanöver und undeutbaren Ausdrucksweisen hier machen mich äußerst ungeduldig. Ich schlage vor: ›Komm’ doch selbst mit und zeige mir was du mir zeigen möchtest !‹.
Beharrlich seine Antwort: ›Aber ich sagte dir doch, ich kann nicht dorthin, denn dann komme ich nie wieder hierher zurück.‹
›Ja, aber was machst du denn hier ? Hier ist doch niemand, hier bist du alleine und läufst durch die endlosen Gänge !‹, aus meinem Unverständnis gegenüber der gesamten Situation hinterfrage ich frech was ihm so wertvoll erscheint.
›Ja, das mache ich und es gefällt mir !‹ antwortet sein beleidigter Stolz.
Das glaube ich ihm natürlich nicht und schön langsam glaube ich ihm kein einziges Wort mehr. Er will mir seine Geschichte nicht erzählen, er will bloß, dass ich seine Geschichte zu Ende bringe !
Wir streiten.
Er will da nicht hinein gehen und ich bestehe darauf, dass er es doch tut. Immerhin geht es um die Träne und darum, dass er sie selbst weinen muss und nicht ich. Das sieht er nicht ein. Ich bin stinksauer.
›Wenn du jetzt nicht hier hinein gehst, dann gehe ich.‹ Ich drohe ihm, versuche ihn unter Druck in Bewegung zu setzen. Er reagiert nicht. Ich versuche es verständnisvoller: ›Wovor versteckst du dich ? Ich kann es nicht verstehen, du kannst es mir nur sagen. Wenn du dich nicht einmal traust es mir zu sagen, kann ich nichts für dich tun.‹
Traurig und leise bekomme ich wieder ein Gegenüber und damit zur Abwechslung mal eine klare Antwort: ›Das Nichts ist meine Welt. Du hast es schon gesehen. Du konntest es aber nicht empfinden. Wenn du dort bist, bist du du und rund um dich ist nichts. Wenn aber ich dort bin, dann gibt es mich nicht mehr ! Ich spüre nichts mehr! Deshalb kann ich nicht dorthin.‹
›Das glaube ich nicht. Hier gibt es dich doch auch, warum soll es dich dort nicht geben ? Aber vor allem: Hier ist es doch nicht besser, du schickst anderen Menschen Tränen und wanderst herum wie ein Geist, hier gibt es dich nicht.‹
›Doch. In den Tränen gibt es mich‹, und endlich sagt er die Wahrheit !
›Aber das ist ungerecht und feige ! Du verletzt andere Menschen mit deinem Schmerz ! Das Recht hast du nicht !‹
Er antwortet nicht, wie könnte es anders sein.
Ich bin so wütend auf ihn, ich könnte ihn … – kielholen.
›Du musst zurück gehen und deine Tränen weinen !‹ ratlos und verärgert rede ich auf ihn ein, und – fast hätte ich es übersehen – er beginnt sich aufzulösen, er verschwindet.
Ich kann ihn wegschicken !
Und ich habe ihn weggeschickt !

Wie wunderbar, ich freue mich so sehr ! Den bin ich los, er wird ab jetzt seine Tränen selber weinen !

 

Veröffentlicht unter Die Geschichte | Kommentar hinterlassen