›Ihr Haus‹ – Schreibübung zum Bild

mitten in der stadt steht dieses kleine, unauffällige gebäude. im alltagsgetummel und hasten der menschen fällt es kaum jemandem auf. der lärm der strassen, des konsums und der umstand, dass die vorüberziehenden im regelfall einen ankunftsort vor augen haben und ihre körper bloß den köpfen nachzueilen scheinen, lässt das haus in seiner ruhe verschwinden und sich dem spektakel entziehen. doch an diesem morgen war etwas anders.

das frühe tageslicht dringt durch die hohen fenster und erhellt die räume so, dass die wände gut sichtbar werden. ihre raue struktur ist in aller schärfe erkennbar, schatten weichen aus den ecken. teils reflektiert von den umliegenden gebäuden, teils direkt durch die vorderfenster kommend, füllen die sonnenstrahlen die räume bis in ihre letzten winkel mit licht. sich umsehend, die wände betrachtend, stellt sie sich erneut die frage, was sie hier noch soll. sie will hier raus, rast getrieben von raum zu raum, durch das gesamte haus, von einem ende zum anderen. sie springt von ecke zu ecke, nach oben, nach unten und will endlich frei atmen und sich ausbreiten können. ihre füße stehen heute nicht still, sitzen ist ihr unmöglich.
heute morgen ist sie mit all ihrer wut aufgewacht, und so direkt im tag gelandet, der ihr keinen moment gegeben hat um an etwas anderes zu denken – als wäre das jemals wirklich möglich gewesen. ihre hände tasten wie schon unzählige male die wände ab, die dicht verschlossenen fenster, die ecken, spalten und ritzen. ihre fingerspitzen suchen flehend nach ihr noch nicht bekannten stellen, nach veränderungen dieser aussenhaut, die auf ein entkommen hoffen lassen würden. zwischen angst vor der entäuschung und dem antrieb der wut zitternd, suchen sie nach brüchen oder möglichen bruchstellen, nach irgendetwas, was der kraft der hände nur ein einziges mal nicht standhält. in dieser gier nach freiheit wird sie zu einem einzigen ungeduldigen weg-wollen. die zigmal erfahrene unmöglichkeit kollidiert damit aufs kräftigste. wie soll sie in der zerissenheit zwischen diesem innigsten wunsch und den kalten, harten, beinahe über sie lachenden, undurchdringlichen wänden leben ? die räume des hauses sind groß, sie kann sich in ihnen frei bewegen, doch das leben hallt darin und ohne einem luftzug, der das außen mit dem innen verbindet, gefriert es – mag es noch so lebendig sein – zu einer starren fratze, der sie nichts mehr abzugewinnen weiß.

stein auf stein auf stein auf stein, festgehalten durch ihr eigengewicht, verbunden und verklebt, verputzt und freundlich dekoriert – so stehen die mauern völlig selbstverständlich wie gewachsen fest auf dem boden. schwer und mit sich selbst zufrieden steht das haus in seiner ruhe da. es wackelt nicht, bewegt sich nicht, keine ritze hat sich je gebildet, nichts hat sich gelöst. das haus wäre schlichtweg glücklich, könnte es fühlen. alle balken und verstrebungen halten, halten stand, stützen und tragen es mit höchster verlässlichkeit. seit hunderten von jahren steht es da ohne sich je gekümmert zu haben, ohne sich von wind, wetter oder anderen einflüssen aus seiner umwelt beeindrucken zu lassen.
jeder stein ruht schwer auf dem anderen, dem darunter, und der wiederum auf einem weiteren. so geht es von ganz oben bis hinunter, dorthin, wo es mit all seinem gewicht fest auf dem boden steht. unbeirrbar ruht das haus in der last seiner wände.
bisher hat es sich nicht um seine innenräume gekümmert, aber seit geraumer zeit bemerkt es ein unbestimmbares toben, das ihm unbehagen bereitet. es ist schwer zu erkennnen, woher das toben kommt, doch heute ist sich das haus sicher, dass es da ist und es nicht bloß der wind ist, der von außen an seine wände drückt. es muß von innen kommen. irgendetwas schlägt dumpf, kaum spürbar auf die wände des hauses ein und zieht sich tief innen durch die stockwerke. deshalb ist der ursprung schwer zu lokalisieren, erschwert es sogar, dieses etwas deutlich wahrzunehmen. unruhe kratz auch an ecken und kanten und ist selten, aber doch immer wieder für kurze momente, in einer der vielen ritzen zwischen den steinen spürbar – fast so kurz, dass zweifel berechtigt sind zu fragen, ob das gerade wirklich passiert ist oder nur einbildung war. doch – vorausgesetzt das haus täuscht sich nicht –, dann regt sich etwas in ihm.

Zwischen coffee-to-go und supermarkt, zwischen zeitungsstand und straßenmusikantin, zwischen busstation und u-bahn abgang, zwischen ungehörtem vogelgesang und ratten hinter den mülltonnen, wackelt ein haus. kaum sichtbar, doch durch den boden hinweg spürbar, vibrieren die wände des hauses unaufhörlich. da sich das vibrieren des bodens kaum von dem durch einen vorbeifahrenden lastwagen erzeugten vibrieren unterscheidet, bemerken die an der bushaltestelle wartenden es nicht. zu beschäftigt, schafft es kaum ein augenpaar in andere blickhöhen oder tiefere winkel des straßenzuges, erst recht nicht eine länger andauernde beobachtung zu vollziehen.
dem vibrierenden in sich zittern der wände folgt bald ein tiefes geräusch. der ton ist so tief als würde er inmitten der erde beginnen, ungewöhnlich tief. da nun auch die lautstärke steigt und er beständig alle zwischenräume ausfüllt und dann sogar den gewohnten lärm zu verschlucken droht, beginnen die menschen sich umzusehen. erst schweifen kurze blicke von einem straßenende zum anderen, dann treffen sich fragende gesichter und es wird deutlich, dass hier etwas vor sich geht. da sich das gehörte einer erklärenden antwort verwehrt, kehrt unruhe ein. bis schließlich einer der suchenden das haus entdeckt.
ein junger mann, an der bushaltestelle wartend, sagt ungläubig zu seinem neben ihm stehenden freund ~hier ! das haus dort drüben … es … es verformt sich~. sein freund will ihm schon den schlechten witz vorwerfen, doch als er dessen erschrocken staunendes gesicht sieht, folgt sein blick den augen des anderen und findet das erwähnte, von den restlichen häuserfronten etwas abgerückte haus. ob das tiefe brummen nun aus dieser richtung kommt, kann auch er nicht beurteilen. doch er sieht, dass das haus nicht einfach dasteht, wie häuser das zu tun pflegen. es scheint sich aufzublähen und zusammenzuballen in einem. er kann nicht einordnen was er sieht, aber er kann die unbändige kraft fühlen, die sich dort zu schaffen macht. für eine ewig andauernde weile lang stehen beide wie erstarrt da, ihre blicke gebannt, ihre körper unbeweglich beobachtend. jetzt hören sie nichts mehr, alle sinne sind zur gänze mit dieser außerordentlichen erfahrung beschäftigt, in deren mitte sie sich befinden. ihre gehirne arbeiten, versuchen aus den vorhandenen informationen sinn zu machen und eine logische und konsequente nächste handlung zu erarbeiten.
plötzlich wird das brummen von einem krachen übertönt oder begleitet. ein saugender luftzug wird zu einem starken wind, der direkt aus dem haus, in das haus oder rund um das haus und davon ausgehend sich ausbreitet und alles unbefestigte in einem wirbel mit sich zieht und von sich stößt. das gebäude bläht sich auf, wie ein luftballon. es verliert seine form und verzerrt sich derart, wie es die realität der physik nicht erlauben sollte.
in diesem moment findet einer der freunde zur sprache zurück, zerrt den anderen am ärmel: ~los, lass uns hier verschwinden !~

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