Hans im Glück 2.0

AZ: herr glück, vor genau 100 jahren wurde ihre geschichte von jacob und wilhelm grimm niedergeschrieben und veröffentlicht. den meisten ist die geschichte auch noch heute gut bekannt. wie waren damals die reaktionen in ihrem umfeld auf ihr doch unübliches verhalten ?
Hans Glück: (lacht) tatsächlich war das eine sehr amüsante zeit für mich, ich war noch sehr jung und hatte von der welt nicht viel gesehen. mein unmittelbares erleben und meine direktheit waren mir zu dieser zeit noch nicht als ungewöhnlich bewusst geworden – ich war so in unserer großfamilie aufgewachsen ! also war ich vor allem darüber überrascht, welche reaktionen mein verhalten, nachdem es auch in unserem dorf publik geworden war, auslöste. von unverständnis bis hin zu neugierig, schüchternem nachfragen, gab es alles. am deutlichsten habe ich meine überraschung in erinnerung. ich war regelrecht verblüfft, dass eine derartige geschichte so zahlreiche und unterschiedliche reaktionen in den menschen hervorrufen konnte ! das hat mich sehr bewegt.
AZ: haben das erscheinen ihrer geschichte und die reaktionen der menschen somit auch ihre weitere laufbahn geprägt ? vom heutigen standpunkt aus betrachtet, und ihre zahlreich publizierten bücher und projekte zum thema tausch- versus geldwirtschaft bedenkend, könnte das ein wesentlicher punkt in ihrer laufbahn gewesen sein.
Hans Glück: in gewisser weise haben sie wahrscheinlich recht. die veröffentlichung und die diskussionen haben mir unterschiede bewusst gemacht und mich in die lage gebracht auf fragen oder vorwürfe reagieren zu müssen. dadurch habe ich viel über mich und auch über die anderen gelernt, und dies hat bestimmt als konsequenz die klarheit meiner weltanschauung beeinflusst.
AZ: sie haben nur einige jahre nach der veröffentlichung von ›hans im glück‹ die erste regionale tauschgemeinschaft gegründet und mit viel erfolg geleitet. über die jahre ist daraus nicht nur eine europaweite institution, sondern eine philosophie entstanden, die beständig als gegenmodell zu unserem etablierten, kapitalistischen geldsystem in erscheinung tritt. gerade in krisenhaften zeiten, die verstärkt von existenzängsten und unsicherheiten geprägt sind, steigt die bereitschaft der bevölkerung sich anderen wegen zuzuwenden. warum sind sie der meinung, dass geld als tauschgrundlage versagt hat und einen irrweg ohne langfristiger zukunft darstellt ?
Hans Glück: die tauschgemeinschaft ermöglicht es eine persönliche freiheit zu schaffen, die das geldsystem für den größeren anteil der daran teilhabenden verhindert. mein erstes buch aus dem jahr 1912 ›vertrauen statt verdienen‹ erklärt meine ansichten dazu ausführlich. in den recherchearbeiten zu diesem text habe ich mir unablässig die frage gestellt, wozu geld gut sein kann, wenn doch immer jede und jeder zu wenig davon hat, und diese tatsache für die meisten menschen unserer gesellschaft in wesentlichen lebensbereichen eine unüberwindbare barriere darstellt. ich kehrte in meiner vorstellung an den punkt zurück, an dem geld zum ersten mal als tauschwert nötig wurde und wollte herausfinden, aus welchen umständen es dazu kommen konnte, diese idee zu haben. ich stellte sich vor, ich bräuchte einen sack äpfel und gehe mit diesem wunsch zum bauern. der bauer hat mehr äpfel als er selbst gebrauchen kann und ich habe das bedürfnis welche zu verwerten. soweit ist alles verständlich. doch nun verlangt der bauer für seine äpfel plötzlich einen gegenwert. ich frage: warum will er das ? und vor allem frage ich: wie kann man den äpfeln einen objektiven wert beimessen ? diese beiden fragen sind die kernelemente meiner arbeit.
ich beantworte beide frage mit einem zu geringen maß an vertrauen und schlage vor, dass wir alle darauf vertrauen, das zu bekommen, was wir brauchen und im gegenzug bereit sind, das abzugeben, was wir nicht brauchen – völlig ohne absicherung durch einen materiellen gegenwert ! diese methode funktioniert solange beide seiten bereit sind, zu geben, was sie nicht brauchen. dadurch tritt ein zustand der gleichberechtigung und unabhängigkeit ein. nach meiner erfahrung ist dieser zustand mit geld nicht erreichbar und dies widerspricht der natur der menschen. das ist der grund für meine meinung, dass in der geldwirtschaft nicht unsere zukunft liegen kann.
AZ: ihre annahme, geld könnte durch vertrauen ersetzt werden, ist heiß umstritten und wird nicht selten mit dem argument zunichte gemacht, dass die welt schlichtweg im chaos enden würde. was sind ihre erfahrungen in der umsetzung ihres konzeptes ?
Hans Glück: wenn es um chaos und krise geht, dürfen sie nicht vergessen: die welt ist bereits im chaos ! die furcht vor chaos wird zumeist mit der furcht vor dieser erkenntnis verwechselt.
um aber ihre frage zu beantworten: nach der veröffentlichung meines ersten buches im jahr 1912 durch den verlag übermorgen, wurde es nach nur zwei wochen wieder vom markt genommen und in deutschland verboten. es war kaum möglich eine öffentliche debatte zu diesen umständen anzustoßen, aber dennoch hatte sich daraus die glückliche möglichkeit ergeben, dass eine gemeinde von etwa 1500 menschen im südwesten des landes davon erfahren hat. in den darauf folgenden jahren habe ich eng mit diesen menschen zusammen gearbeitet und es ist uns gelungen, das freie tauschsystem, also ohne materiellen gegenwert, sehr weit in ihre gemeinschaft zu integrieren.
die effekte waren sehr beeindruckend: wir mussten die kommunikationswege stark verändern, es wurde mehr und anders kommuniziert. wir haben die tauschzentrale als vermittelnde informationsquelle entwickelt, mit druckprodukten experimentiert um angebotene leistungen publik zu machen, wir haben versammlungen und zusammenschlüsse in branchen etabliert und schlußendlich ein system entwickelt, das effektive kommunikation ermöglicht. heutzutage übernimmt das internet auf eine sehr einfache weise viele dieser funktionen, aber damals war diese art der intensiven und zielgerichteten vernetzung eine neue aufgabe. wir wollten ein lenkbares system schaffen, das nicht wie die zufallsgesteuerte mundpropaganda funktioniert sondern auch kontakte integriert, die nicht bereits durch persönliche bekanntschaft vorhanden sind. dieser punkt wurde besonders wichtig als sich neue menschen der tauschgemeinschaft anschlossen.
weiters haben die menschen aufgrund ihrer finanziellen unabhängigkeit und der daraus resultierenden persönlichen freiheit begonnen eigene ressourcen und die ihrer mitmenschen wahrzunehmen. das alles ist natürlich nicht von heute auf morgen entstanden und hat uns selbst viele unerwartete aufgaben gestellt. dennoch haben sich ideen und initiativen entwickelt, es entstanden in diesen freien zusammenarbeiten neue leistungen und produkte, die mitunter verkauft werden konnten um den teilbereich des lebens, der aufgrund der begrenztheit des projektes nicht vom herkömmlichen geldsystem abgelöst werden konnte, am laufen zu halten. die existenz der menschen war allerdings zu jeder zeit gewährleistet und es entstand kein druck. diese freiheit ist eine wesentliche basis für entwicklung. die menschen agieren weil sie sich an ihren leistungen erfreuen und nicht dazu verpflichtet sind – und das ist nur möglich wenn ihre existenz sichergestellt ist !
nach nur drei jahren war das system so weit etabliert und funktionsfähig, dass sämtliche leistungen, die innerhalb der gemeinschaft angeboten wurden, auch von dort bezogen werden konnten und viele neue entstanden waren. die verbindung zum geldsystem mußte zwar aufrecht erhalten bleiben, die abhängigkeit der menschen wurde aber deutlich verringert. über die jahrzehnte hinweg war zu beobachten, dass die flexibilität des netzwerkes umstände schaffen konnte, die einen unvorstellbaren fluß an kreation und natürlichkeit hervorbrachten. viele menschen begannen ihren wünschen zu folgen und es entstand ein ungekanntes, nicht aus der not heraus wertschätzendes verhalten gegenüber geben, nehmen und konkret dem herstellen von leistung oder produkt.
AZ: einer der ersten vorwürfe und zweifel, die ihrem system entgegentreten ist die ausnützbarkeit. viele menschen bezweifeln, dass in einem rahmen ohne objektiver bewertung gerechtigkeit ausgeübt werden kann. was passiert, wenn jemand nur nimmt, aber nichts gibt ?
Hans Glück: das ist in anbetracht dessen, was die meisten von uns (leider) gewohnt sind, ein nachvollziehbarer zweifel und wir waren in dem beschriebenen pionierprojekt häufig mit solchen situationen konfrontiert. beobachtungen haben gezeigt, dass dies teil des entwicklungsprozesses ist. eine derartige umstellung hat auswirkungen auf das gesamte lebensgefühl der menschen und auch auf wertvorstellungen, die die menschen selbst betreffen. in geldorientierten gesellschaften wird häufig die erfahrung gemacht, dass die menschen selbst nicht viel wert sind – oder nicht mehr als ihre erbrachte leistung. die leistungen, die sie erbringen, erbringen viele von ihnen aus finanziellem druck heraus und nicht aus sich selbst heraus. auch schafft die bewertung der leistung ungleichgewichte, die subjektiv in keinster weise nachvollziehbar und meiner meinung nach auch nicht gerechtfertigt sind.
es ist also verständlich, dass dem ablegen dieser gewohnheit ein entwicklungsprozess folgen muss, ehe leistungen aus den menschen selbst heraus entwickelt werden können. dem umbruch folgt nicht selten eine phase, in der sich orientierungslosigkeit breit macht. aber sobald das gefühl des zwanges dem der freiheit weicht und sich die menschen mit möglichkeiten umgeben wiederfinden, ist es nicht mehr aufzuhalten, dass früher oder später jede und jeder etwas einbringt.
dieses umdenken ist die bedeutendste veränderung, die sich später in allem wiederfindet. es ist die frage nach dem wert einer sache, aber auch nach dem wert eines menschen. in unserem system existiert keine objektive bewertung da objektive bewertung dem erleben schlichtweg nicht gerecht werden kann. es ist unmöglich mein persönliches bedürfnis oder meine persönlichen fähigkeiten objektiv zu bewerten. es ist unmöglich meine fähigkeit ein buch zu schreiben mit ihrer fähigkeit diesen artikel zu schreiben zu vergleichen. diese werte sind nicht vergleichbar. sie sind in ihrem eigenen nicht vergleichenbar und nicht austauschbar ! diese erkenntnis und vor allem die erfahrung verändert die menschen darin, wie sie sich selbst wertschätzen. diese menschen wiederum verändern die gemeinschaft.
AZ: das sind sehr beindruckende prozesse ! geld wird dennoch gemeinhin als neutraler wert betrachtet, der das tauschen vereinfachen und unabhängig machen soll. wie kann ich zum beispiel ein fahrrad bekommen, wenn keiner der tauschgemeinschaft fahrräder herstellt ?
Hans Glück: zum glück stellt sich dieses problem bei fahrrädern kaum ! aber ich verstehe ihre frage. hier treffen wir auf den punkt, an dem sich alle menschen am gleichen system beteiligen müssten. an diesen stellen knüpfen wir jedoch zur zeit noch an das herkömmliche geldsystem an da es dazu noch keine alternativen gibt.
ein gutes beispiel ist unser erstes krankenhaus in südfrankreich. es ist als teil einer tauschgemeinschaft errichtet worden und läuft nun seit acht jahren. die eröffnung einer solchen institution war ein sehr besonderer schritt, denn das gesundheitssystem ist ein wesentlicher bestandteil des lebens und sehr stark an finanzielle verhältnisse gebunden. das krankenhaus wurde durch die tauschgemeinschaft frankreich errichtet und wird von ihr alleine getragen. medikamente, spezielle untersuchungen, gerätschaften und alle dazugehörigen mittel, die nicht durch die tauschgemeinschaft eingebracht werden können, werden mit geldmitteln finanziert, die durch den verkauf unserer produkte und leistungen abgedeckt werden. ich freue mich sehr über die erfolgreiche symbiose in diesem sektor, die überzeugend gezeigt hat, dass zweifel an der umsetzbarkeit unberechtigt sind. ich bin zuversichtlich, dass die ausbreitung des tauschsystems nur noch eine frage der zeit ist und es sich durch sämtliche lebensbereiche ziehen wird.
AZ: herr glück, vielen dank für die einsichten in ihre arbeit. zum abschluß: sind sie heute so unbekümmert glücklich und zufrieden wie sie es als ›hans im glück‹ waren ?
Hans Glück: glück ist meist eine frage der perspektive. ich kann mit freude sagen, dass es auch heute noch momente des unbedarften glücks in meinem leben gibt. ähnlich dem des hans im glück, aber natürlich durch mein leben und mein alter in einer deutlich veränderten form – die ich im übrigen nicht gegen die des jungen hans eintauschen wollen würde !

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