Die Mühen des linken Auges – Teil 1

Linkes Auge, linker Augenwinkel. Nicht ganz im Eck, etwa drei Millimeter davor. Von dort kommt die Träne. Oder besser gesagt, von dort verlässt sie das Auge und rinnt, als hätte sie es eilig, die Wange hinunter. Sie ist schnell, das überrascht mich. Es gefällt mir aber auch. Sie ist damit eindeutig, voll und ganz entfaltet sie selbst – sie bekam auch Unterstützung von allen Richtungen: die Beine, der Bauch, die Brust und die Schultern, dann vor allem das Gesicht, haben sie zusammengepackt und losgeschickt. Da war sie nun; nach ihrem Herunterkullern aber auch schon wieder weg. Tja … Ein Moment und Gefühle aus Jahrtausenden. OK, das kann ich nun nicht mit Bestimmtheit sagen, aber garantiert mehr als dieser, jene Moment alleine hätte zustande bringen können.

Sieht nach Traurigkeit aus, oder ? – Und all die Anspannung ? – Wut ?

Ja ! Wut, Verzweiflung, Traurigkeit, die wechseln sich ab wie von einem Tornado gestreifte Kieselsteine auf einem Trampolin abwechselnd in die Höhe springen – unübersichtlich, nicht unterscheidbar. Aber was habe ich denn eigentlich damit zu tun? Ich habe doch damit gar nichts zu tun ! Diese verdammte Träne ist gar nicht meine, auch wenn sie nur aus Bestandteilen besteht, die mein Körper hergestellt hat. Es ist nicht meine Träne ! Ich wiederhole das: Diese Träne ist nicht meine Träne !
Daher auch die Wut: Wer wagt es meinen Körper, mein ganzes Dasein, meine Aufmerksamkeit, meine Kraft und meine Gefühle zu nötigen, diese Träne zu produzieren und sogar zu weinen ? Woher kommt sie?
›Die linksgeweinte Träne ist ein Hinweis auf all die ungestellten Fragen der vorhergegangenen Generationen.‹ – so sagt das Lehrbuch. Das mag unwahrscheinlich, ja sogar unlogisch klingen, wie eine Ausrede oder eine Fantasie, dennoch war es ja nicht meine Träne, die ich da geweint habe ! Deshalb und weil die Wut mit dieser Antwort einverstanden ist, vertrete ich diese Annahme. – Und die Konsequenz ? – Die Wut beschwert sich, regt sich auf, kommt in Rage: Stellt eure Fragen selber, behaltet eure Hilflosigkeit, eure Verzweiflung und eure Angst. Ich will sie auch nicht haben ! Wie könnt ihr nur all das Unfassbare in mich hineinlegen, es in mich stecken und glauben euren Frieden damit gefunden zu haben ? Ich werfe euch alles zurück ! Die unausgesprochenen Worte, die abgewürgten Gesten, die Blicke, zu denen der Mut gefehlt hat. Oh, wie viel da noch kommen mag ! Was für eine Freude !

Erstmal aber ist da dieser riesige Berg voll mit Stille. Er ist scheinbar unbeweglich und so groß ! Wenn man genauer auf ihn achtet, kann man sehen, dass er sich doch bewegt. Er versucht zwar nicht gesehen zu werden, aber ob ihm das mit dieser Größe jemals gelingen wird ?
Ich sehe mir den Berg genauer an. Er ist hellgrau, nicht besonders zerklüftet, kein wilder und rauher Berg, vielmehr ein glatter. Er steht auch nicht da wie ein Monument. Er steht da wie übrig geblieben, zurückgelassen. Er ist ein Rest. Ich klopfe an. Er klingt verdächtig hohl, auch die Wand scheint nicht besonders dick zu sein, irgendwie brüchig. Will ich da nun hineinsehen oder lasse ich das lieber bleiben ? Meine Vorahnungen sind nicht gerade erfüllt mit fröhlichen Eindrücken. Aber diese Träne will gerächt werden, ich will alles wissen !
Ha ! Ich breche diese Hülle auf. Wie erwartet geht das richtig einfach. Die Hülle bricht wie dünnes Styropor, wie eine Wand aus Chips oder Ähnlichem. Das Zeug bricht einfach ab, es knirscht ein bißchen und bröselt sehr. Das kaputt zu machen gefällt mir gut, die Arbeit ist schnell getan und da haben wir auch schon all den Mist. Da drinnen stecken Fratzen, wer hätte das gedacht ! Nicht nur eine oder zwei – wie gesagt, hier steht ein Berg ! Die schreien und schreien und schreien und schreien und schreien beinahe so sehr, dass sie sich selbst zerschreien. Plötzlich jedoch scheinen sie zu merken, dass sie sich wegschreien würden wenn sie nicht Acht geben, und machen für ein paar Momente weniger Stress. Puh, das ist wirklich keine Freude !
Für den Moment lasse ich die lieber für sich schreien und sehe mir dieses andere Ding da drüben an. Vielleicht fällt mir später mehr zu diesen Fratzen ein oder sie beruhigen sich in der Zwischenzeit wieder.

Dem Berg gegenüber steht nämlich dieser bellende Hund. Nein, es ist kein Hund. Ich schreibe das nur so, weil es im ersten Moment einen sehr ähnlichen Eindruck macht.
Was ist denn Bellen eigentlich ? Ich hatte nie einen Hund und habe auch nie einen besser kennen gelernt, deshalb mögen mir Hundebesitzerinnen verzeihen, und ich schließe hiermit nicht aus, dass Bellen auch ›freundlich‹, ›entzückend‹, ›niedlich‹ oder ›sympathisch‹ und meinetwegen ›elegant‹ sein kann. Das Bellen, das mir da gegenüber steht, ähnelt mehr dem weitläufigen Verständnis von Bellen, dem man auch tendenziell mit Ablehnung begegnet. Es ist höchst aggressiv, aufdringlich, schneidet sich durch die Luft und beißt erstmal kräftig ins Ohr ! Es ist eine Prognose, eine Warnung.
Zur Erleichterung der Hundebesitzerinnen: Es ist gar kein Hund. – Was ist es also dann ? – Es ist ein wilder, allesfressender Sturm. Würde ich mal so sagen. (Da ich ja selten derartigen Stürmen begegne, möchte ich mir gerne vorbehalten diese Diagnose bei näherer Betrachtung noch abzuändern.) Mich dem Ding zu nähern ist allerdings gar nicht so einfach, es flattert wild und kreischt gelegentlich. Ich schmunzle ein wenig über seine Aufregung und darüber wie es sich gebärdet. Es dämmert mir, dass es möglicherweise genauso, wie der stille Berg seine Stille nur vorgetäuscht hat, nur so tut als wäre es unendlich böse. Ach, all diese verzweifelten und jämmerlichen Gestalten !
Für die, die es noch interessiert: Dieses Ding hier ist braun und dunkelrot, manchmal blitzt es hellrotfeurig auf. Aber auch dieses Exemplar verzehrt sich im Wesentlichen selbst, existiert gar nicht, basiert auf völliger Abwesenheit.
Mein Gefühl, dass hier etwas zu Ausdruck kommt, was mit allem hier Existenten rein gar nichts zu tun hat, irritiert mich, was hat das zu bedeuten ? Showtime ? Sind auch das nicht die wahren Schurken, die mir die Träne aus dem Auge gezwungen haben ?

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Die Angst vor der Nacht

die angst vor der nacht kommt langsam mit der dämmerung von unten nach oben in meinen körper und manchmal bis in mein bewusstsein gekrochen. dann höre ich nicht hin, aber doch ist sie da. die erleichterung, dass der tag überstanden ist, kann sich kaum ausbreiten, schon zieht und zerrt die leere beständig von unten an mir. sie knabbert und schmatzt. plötzlich ist sie da und vom tag ist nichts mehr übrig, er wird gar unvorstellbar.

er sitzt ruhig und aufrecht in der mitte des raumes und atmet: ein – – aus – – ein – – aus – – da ! sie kommt ! nein, sie ist schon da ! chchchchch. scheuernd-schabend und hinterlistig kriecht die nacht langsam näher, in den tag hinein. beinahe unbemerkt schlängelt sie sich voran. er kann sie riechen. alles steht still. starr der körper im außen, innen schießt plötzliche aufmerksamkeit wie feuer durch jede faser. unbeweglich. nur die augen halten beständig ausschau, wollen jedes detail erfassen. suchen angestrengt nach halt, nach einem ende dieser grausamkeit. der atem kehrt langsam zurück und nur mit großer vorsicht.
ist es erlaubt mich zu bewegen ? was ist da in der dunkelheit ? er rührt sich nicht, denn er will die leere nicht berühren, sie nicht spüren oder anstoßen, will ihr echo nicht hören, das wie ein schlag alle knochen erschüttert.
sein gesicht verzerrt sich. es zieht sich nach innen. so, wie alles versucht, sich immer tiefer nach innen zu ziehen, die muskeln, die haut, die sehnen und adern, alles strebt nach innen. selbst die knochen versuchen noch sich in sich zu verkriechen, kleiner zu werden, sich hinter sich zu verstecken.
der tag erinnert sich an den atem, er ist noch spürbar: flach, zart, kraftlos, wie ein hecheln bewegt er sich niedergedrückt voran.

›hey, nacht !‹, sagt der tag ›hast du eigentlich schon gehört, dass es uns beide nicht gibt ?‹. die nacht horcht auf, sowas hat ihr noch niemand gesagt ! es solle sie nicht geben ? sie, die unaufhörliche, finstere nacht ? ein fragendes gesicht sieht der tag nun in der nacht und lacht.

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